Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande

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Mauthners Werk im Spiegel der Presse

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Die Wege zum Atheismus

Von Albert Wesselski

Von Fritz MAUTHNER ist ein neues Buch erschienen: der erste Band des auf drei Bände berechneten Werkes ›Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande‹ (Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart und Berlin). Er will darin eine Geschichte des Freidenkertums geben, wobei er die Ansätze zu diesem in jeder dogmenfeindlichen Bestrebung sieht. Mit zwingender Logik führt er durch, daß, wer z. B. die Vorsehung leugnet, schließlich auch zu der Leugnung eines persönlichen Gottes gelangen muß, daß, wieder z. B. die Anerkennung der Naturgesetze notwendigerweise zum Atheismus führt, nämlich zu einer Betrachtung dessen, was wir Universum nennen, und seiner Einzelheiten von dem Standpunkte einer Gottlosigkeit, die freilich mit Gottesleugnung nichts gemein hat. In der Einleitung, die mit ihren 170 Riesenoktav-Seiten ganz gut als ein selbständiges Buch, etwa mit dem Titel ›Der Gottesbegriff des Altertums‹, hätte erscheinen können, führt Mauthner aus, wie sich dem Gottesbegriffe im Laufe der Zeiten allerlei Akzidentien gesellten, Unsterblichkeit der Seele, Geisterglaube, andere Dogmen, bis sich im frühen Mittelalter ein Komplex von Formeln herangebildet hat mit Blößen nach allen Seiten, trotzdem aber von anwüchsiger Festigkeit; und in der folgenden Hauptdarstellung, die bis in die Neuzeit reicht, sehen wir, wie sich an diesen Strunk, der aufwärts nicht mehr wächst, trotz allen Absplitterungsversuchen immer neue und neue Ringe ansetzen. Wir werden Zeugen des Entstehens der Theologie, die ihre Existenzberechtigung erst erhält, als es nicht mehr Dichterworte allein sind, die von der Gottheit lehren, sondern die Offenbarung auftritt, die bald die Priesterkaste auf den Plan ruft. Sehr hübsch ist die Verquickung der Theologie mit der Dämonologie herausgearbeitet samt ihrer zwangsläufigen Konsequenz, daß der Kampf gegen die sekundären Teufelsdogmen schließlich zur Leugnung des primären Gottesdogmas führt.

Mauthner gibt zwar keine Geschichte des Ketzertums, aber ganze Abschnitte seines Werkes sind Exkurse über diese oder jene Sekte. Und hier können wir einen Tadel nicht verhehlen, der sich allerdings nicht gegen die Darstellung richtet, die in jedem einzelnen Falle nicht nur viel Neues bringt, sondern auch schön ist, sondern gegen den Gesichtspunkt wendet. Sekte an Sekte zieht an uns vorüber, und noch in dem letzten Kapitel erfahren wir, daß die Sozinianer des sechzehnten Jahrhunderts eigentlich nur den alten Arianismus wieder erweckt haben. Das mag durchaus richtig sein, aber daß es zu der Herausbildung einer gottlosen Weltanschauung ursprünglich und wesentlich beigetragen hätte, möchten wir doch bezweifeln. Wir können uns nicht helfen, aber wir meinen, daß all diese Streitigkeiten zwischen Rechtgläubigen und Irrgläubigen, all diese Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien in einer Geschichte des Atheismus nicht so sehr als Fakten, wie als Symptome zu betrachten und zu werten wären.

Mauthner gibt viele Beispiele, wie sich die Kirchen genötigt sahen, dem Volksglauben Zugeständnisse zu machen, und er legt sehr schön dar, wie das Christentum im Laufe der Jahrhunderte gezwungen worden ist, sich schrittweise durch Annahme neuer Dogmen und Zeremonien zu depravieren; die weiteren Bände seiner Geschichte des Atheismus werden die Versuche zeigen, sich des eingenommenen Ballasts wieder zu entledigen, was nicht geschehen konnte, ohne den Hauptinhalt, der mit diesem eine nur schwer lösliche Verbindung eingegangen war, zum Teile preiszugeben (s. Teufelswesen und Hexenprozesse). Nicht aber erhellt aus Mauthners Buch, daß die Zweifelsucht und die Kritik früher da waren als die Leute, die ihr einen mehr oder weniger definitiven Ausdruck gegeben haben. Wäre denn ein Luther, nämlich ein erfolgreicher Luther möglich gewesen, wenn nicht das Volk für seine Lehren, die ja hauptsächlich negativer Art waren, aufnahmsfähig gewesen wäre? Aufnahmsfähig und aufnahmswillig war aber das Volk sicher nur, weil diese Lehren nur in Worte kleideten, was es selber fühlte; anders gesagt: Luther war nur ein Sprecher der stammelnden Menge, nur der Rufer, der die unartikulierten Schreie des Volkes in gegliederte Sätze zusammenfaßte. Wir meinen also: es wäre ersprießlich, aus dem, was uns auf irgendeiner Entwicklungsstufe des Volkes von seinem Denken bekannt ist, die geschichtliche Notwendigkeit eines Fürsprechs darzutun.

Ein Jahr nach Luthers Priesterweihe und drei Jahre vor seiner Romreise sind Heinrich Bebels Fazetien erschienen. Bebel, der fromme Lieder geschrieben hat, gibt erschreckliche Bilder von der Unwissenheit und sittlichen Verkommenheit der Priester und Mönche, von ihren Betrügereien und ihrer Gottlosigkeit; zugleich aber erzählte er vollkommen harmlos und wie selbstverständlich aus dem Munde des niedrigen Volkes Beispiele einer Zweifelsucht, die der Durchschnittsgebildete der Zeit um den Beginn des sechzehnten Jahrhunderts kaum zutraut. Dabei schreibt er sicher nur nieder, was er in Dorfwirtshäusern, Bauernstuben und Refektorien hat erzählen hören, und indem er diese Dinge niederschreibt, sorgt er für ihre weitere Verbreitung, für ihr Bekanntwerden in Gegenden und Ländern, wo noch eitel Kirchenfrömmigkeit herrscht. Und vor Bebel war Poggius da, der mit der Aufzeichnung seiner Schwänke, von denen viele in letzter Linie dem Volksmund entstammen, sicher die Zweifelsucht mehr gefördert hat als Laurentius Valla; haben doch seine Fazetien bis 1500 sechsundzwanzig Ausgaben erlebt. Und Boccaccios Dekameron hat für die Aufklärung mehr geleistet als Hunderte von ketzerischen Folianten, und vor Boccaccio war schon Guido Cavalcanti da, von dem er erzählt, das Volk habe geglaubt, er suche nach Beweisen gegen das Dasein Gottes, von dem aber zumindest feststeht, daß er seinen Spott an den Mönchen geübt hat. So kommen wir bis zu der Zeit herunter, wo die Bildung ein Monopol der Geistlichkeit war, wo es also sie allein in der Hand hatte, was von der Meinung des Volkes aufzuzeichen war und was nicht; aber auch in den Büchern der Theologen fehlt es nicht ganz an der Möglichkeit, die Kontinuität des Volksspotts zu belegen und seine Auswirkung an dem Bekennermut Einzelner zu verfolgen.

Mauthner würde sich vermutlich wehren, wenn man ihm die Ansicht zuschreiben wollte, der Zeitgeist sei unabhängig von den großen Geistern der betreffenden Zeit; aber daß er auch die Wahrheit der gegenteiligen Meinung anerkennen würde, davon haben wir in dem ersten Bande seines großen Werkes kaum eine Spur gefunden. Ja, indem er z. B. die Rolle von Lukretius in der Geschichte der Aufklärung betrachtet (S. 138), tadelt er den Spott sogar, freilich den eines Einzelnen, weil er nicht aufs Ganze gehe, und wenn er in dem Exkurs über die Albigenser (S. 269) sagt, das Volk habe die neue Lehre durch Verspottung der kirchlichen Einrichtungen verteidigt und die Führer seien in der Negation weiter gegangen als das Volk, so möchten wir lieber nach einem hier wohl gestatteten Analogieschluß annehmen, daß die gelehrten Ketzer nicht in der Lage gewesen sind, in ihrem Doktrinengebäude so weit zu gehen wie das unverbildete Volk, das sich stets einen Teufel darum scherte, ob seine Meinung in ein System zu bringen war. Die primäre Kritik ist unserer Meinung nach der Volksschwank, wobei freilich Schwank in seiner alten Bedeutung zu nehmen ist; wird dann dem Volke bewiesen, daß sein Hausverstand zu ähnlichen Ergebnissen gekommen ist wie die geschulte Kritik der Männer vom Bau, so erkennt es diese als Führer an; diesen folgt es dann durch Not und Tod, ja leidet auch Not und Tod, wenn sie längst schon widerrufen haben.

Bezeichnend ist es, daß den Schwänken, die den Kirchen- und den Köhlerglauben zerstören, nie gegenteilige Schwänke entgegengestellt werden konnten. Der Schwank ist eben immer und durchaus freisinnig; die Waffe des Lachens konnte den Aufklärern nie entwunden werden. Gewissermaßen gibt dies auch Mauthner zu (S. 244); ihm aber sind die Lacher nur Leute, die weder Wissen noch Charakter genug hatten, ihr Gelächter zu Sätzen des Zweifels zu formulieren. Wenn es, wie wir meinen, richtig ist, daß es in erster Reihe das Volk war, das lachte, so hat der Tadel zu entfallen; schließlich war es ja doch das Volk, das neben den Vaganten, die mit ihm lachten, auch die Männer hervorbrachte, die die Formulierung vornahmen und mit ihm seinen Willen vollzogen.

In kurze Worte gefaßt, ist der Vorwurf, den wir gegen Mauthners Werk, so weit wir es aus dem bisher allein erschienenen ersten Bande beurteilen können, erheben, daß uns diese Geschichte des Atheismus zu wenig pragmatisch ist, das heißt, daß sie zwar die Verbindung der Pragmata fortlaufend darstellt, daß sie aber auf deren Zusammenhang mit jenen, die wir, besonders in der Geschichte einer solchen Idee, für die Schöpfer jedes Pragmas halten, zu wenig Gewicht legt. Dieser Vorwurf bedeutet natürlich nur, daß uns ein Buch, das dieser Forderung Rechnung getragen hätte, lieber gewesen wäre, ist aber nicht imstande, der Vortrefflichkeit von Mauthners Werk Abbruch zu tun, das in anderer Beziehung doppelt gibt, was es in dieser unterläßt. Wir bewundern aufrichtig einerseits die Gelehrsamkeit des Autors, anderseits seine hohe Fähigkeit, das Gemeinsame und das Trennende aufzuzeigen und den der Betrachtung förderlichsten Standpunkt zu gewinnen. Unbeschadet den großen Zweck sind einzelne Abschnitte mit staunenswerter Meisterschaft dargestellt; wir nennen hier die Abhandlungen über Sokrates, über die Atomtheorie von Demokrit, über die Christenverfolgungen, über das Buch von den drei Betrügern. Wer eine Freude daran hat, wie Geschichtslügen aufgedeckt werden, der wird, wenn er Mauthners Buch liest, voll auf seine Rechnung kommen; eine neue Auflage von Hertslets Treppenwitz der Weltgeschichte wird oft und oft Gelegenheit finden, es zu zitieren, wie z. B. bei den Äußerungen über die Sophisten, über Johann von Nepomuk, über Epikur, über die ewige Heiterkeit des griechischen Volkes. Dazu stößt man auf Schritt und Tritt auf scharfgeschliffene Worte, die nicht nur seitenlange Charakteristiken, sondern auch das Epigramm ersetzen; wer hätte nicht seine Freude daran, wenn Aristophanes ein frommer Gassenjunge oder Dio Cassius ein unbedeutender Exzellenzherr a. D. genannt wird? Und nun der Hauptvorzug: Mauthners Werk ist durchaus ehrlich und wahr; es verzichtet auf alle Vermutungen und will nicht mehr geben, als was tatsächlich zu belegen ist.

Der erste Band reicht etwa bis in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts; für Mauthner ist erst hier das Mittelalter zu Ende. Zwei Bände sollen noch folgen; wir erwarten sie mit Ungeduld.